Wonderful forest with bright sun

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Ein baum für die Ewigkeit

Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, beginnt ein schmerzhafter Prozess. Im Wald können wir Trost finden und neue Hoffnung schöpfen. Denn dort verschmelzen Leben und Tod zu einem immerwährenden Kreislauf.

Peter blickt auf die Lichtung vor sich. Die hohen Bäume um ihn herum wiegen sich sanft im Wind, die Luft ist erfüllt vom Gesang der Vögel. Hier unter den Wurzeln der Buche, deren Äste sich wie schützende Arme emporrecken, ruht seine Frau Anna. Die letzten Monate seit ihrem Tod waren für Peter ein schmerzhafter Weg. Doch hier, inmitten der Natur, begreift er langsam, dass Anna nicht mehr bei ihm ist und er nun seinen Lebensweg allein weitergehen wird.

Die Bewältigung der Trauer läuft bei jedem Menschen anders ab. Trotzdem lässt sich der Trauerprozess laut der bekannten Psychologin Dr. Verena Kast in vier Phasen unterteilen. Diese Phasen sind nicht klar voneinander getrennt, sondern gehen fließend ineinander über. Jeder Mensch erlebt sie unterschiedlich intensiv.

DER WEG ZURÜCK INS LEBEN

Laut Kast existieren vier Hauptphasen der Trauer: Die erste ist die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens: In dieser Phase erleben Trauernde häufig eine Schockstarre. Der Verlust des geliebten Menschen wird nicht akzeptiert, und oft fühlen sich die Betroffenen wie betäubt – unfähig, die Realität wahr­ zunehmen. So war das auch bei Peter. Der Verlust von Anna schien ihm unwirklich und er konnte den Gedanken, dass sie für immer fort sein sollte, nicht ertragen. Danach folgt die Phase der aufbrechenden Emotionen: Gefühle wie Wut, Schmerz, Schuld und Verzweiflung brechen in dieser Phase massiv hervor. Die Emotionen können überwältigend und chaotisch sein, und Trauernde kämpfen mit einem inneren Sturm. So war es auch bei Peter: In dieser Zeit war der Schmerz kaum auszuhalten.

Doch diese Phase ging unmerklich in die nächste über: die Phase des Suchens und Sich-Trennens. In dieser Phase suchen Trauernde häufig nach Wegen, sich mit dem Verstorbenen verbunden zu fühlen, während sie langsam beginnen, sich mit der Realität abzufinden. Sie lassen langsam los, während sie die Erinnerung lebendig halten, ohne sich darin zu verlieren.

Darauf folgt die Phase des neuen Lebens: Hier finden die Betroffenen zu einem Neubeginn und entwickeln neue Perspektiven. Der Verlust bleibt bestehen, tritt aber in den Hintergrund, während das Leben wieder Raum bekommt. So ist das auch bei Peter: Vor allem hier im Wald, in dem er so oft mit Anna spazieren gegangen ist, beginnt Peter langsam wieder Hoffnung zu schöpfen. Er spürt hier, dass Trauer kein Ende kennt, sondern sich wandelt – wie die Jahreszeiten.

HILFE BEI DER TRAUERBEWÄLTIGUNG

Es ist wichtig, Hilfe anzunehmen, sei es durch Gespräche mit Freunden, Angehörigen oder professionelle Trauerbegleitung. Trauergruppen, Einzeltherapien oder kreative Wege wie das Schreiben und Gestalten bieten viele Möglichkeiten, mit den eigenen Gefühlen umzugehen.

Doch Trauer hat nicht nur mit inneren Prozessen zu tun. Die bewusste Entscheidung für einen Bestattungsort kann ebenfalls Trost schenken. Für Peter war es eine bewusste Wahl, Anna im Wald bestatten zu lassen. Dieser Ort, der für beide so viele Erinnerungen barg, ist für ihn eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Dr. Julia Egleder